Archiv für April 2008

Mit den Clowns kamen die Tränen

Kundgebung der „Autonomen Nationalisten“ in Zwickau erfolgreich von Antifas gestört | In der Stadt regierte das kollektive Schweigen | Alternatives Jugendzentrum gefordert

Seit mittlerweile mehr als drei Monaten versammeln sich jeden Montag zwei bis drei Dutzend Nazis in der Innenstadt von Zwickau (Westsachsen). Unter dem Etikett der „Autonomen Nationalisten“ (AN) versuchen sie die seit fast vier Jahren stattfindenden Montagsdemonstrationen zu unterlaufen. Auch wenn sie sich äußerlich von dem in der Bürgerschaft verbreiteten Bild des Skinhead-Nazis der 90er Jahre abgrenzen, sprechen ihre Parolen doch eine eindeutige Sprache. Der propagierte „Nationale Sozialismus“ unterscheidet sich schon im Wortlaut nur marginal vom „Nationalsozialismus“. Trotz immer wieder bekundeter Abgrenzung zur NPD, sind die „Freien Kräfte“ der Region ideologisch jedoch kaum von der Partei zu unterscheiden; nicht umsonst wird bei jeder sich bietenden Möglichkeit gemeinsame Sache gemacht. Da die Montagsdemonstranten auf antifaschistischer Grundlage arbeiten, melden die Nazis seit dem 10. März eine eigene Kundgebung an und können nun ungestört ihren Stumpfsinn auf die konsumorientierte Bevölkerung kotzen!

Das kollektive Schweigen

Nach kurzem Aufbegehren der Zwickauer Bürgerinnen und Bürger in Form einer Demonstration der Gewerkschaft mit dreihundert TeilnehmernInnen Ende Januar auf dem Hauptmarkt scheinen schon lange alle Möglichkeiten der Intervention in unserer demokratischen Gesellschaft ausgeschöpft; entspannt kann sich nun zurückgelehnt werden!? Das sogenannte „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ unterbreitete den Montagsdemonstranten die absurdesten Vorschläge, die einem Einknicken gegenüber den Nazis auf ganzer Linie gleichgekommen wären. Nachdem diese Vorschläge glücklicherweise vom Montagsbündnis zurückgewiesen wurden, scheinen die Verantwortlichen mit ihrem Latein am Ende. Das ehemalige „Bündnis gegen Rechts“ ist nach dem Einfallen verschiedener konservativer Kräfte aus CDU und Kirche scheinbar nutzlos in der Auseinandersetzung mit dem lokalen Rechtsextremismusproblem. Dort wird sich jetzt lieber mit der DDR-Vergangenheit beschäftigt.

Die Innenstadt wurde den „Autonomen Nationalisten“ als wöchentliches Podium damit nahezu widerstandslos überlassen. Die lokalen Schönwetterdemokraten aller Parteien haben zur Problematik auch nichts beizutragen; der sogenannte „Antinazigipfel“ im Januar mit verschiedenen Bürgermeistern und Landräten der Region blieb bis heute folgenlos. Die einzig relevante, aber konservative Lokalzeitung „Freie Presse“ hat ihre Berichterstattung zur Thematik eingestellt und auch die Zwickauer Bürgerinnen und Bürger schauen dem braunen Treiben teilnahmslos zu. Statt einer offensiven Auseinandersetzung mit dem Problem des „Rechtsextremismus“, herrscht in der deutschen Provinz wiedereinmal das kollektive Schweigen!

Antifaschistischer Widerstand!

Angesichts der geballten Ignoranz in der Stadt Zwickau waren am Montag alle Antifaschistinnen und Antifaschisten der Region aufgerufen sich den Nazis entgegenzustellen! Gegen die rechtsextremen Kader mit geschlossenem Weltbild und klaren Strategien war Ignoranz genau die falsche Antwort. Im einige Kilometer entfernten Mittweida musste mensch bereits erleben, wie diese Politik endet. Stattdessen galt es die Zwickauer Bevölkerung aufzuklären und das vorhandene Rechtsextremismusproblem zu benennen und ernst zu nehmen. Die Nazis sind nicht alle dumm und noch weniger sind wirklich in prekären sozialen Situationen oder arbeitslos. Sie sind Überzeugungstäter und ihre menschenverachtende Ideologie basiert auf weitverbreiteten rassistischen Einstellungen in der Gesamtbevölkerung. Wo Rechtsextremismus zum Lifestyle geworden ist, muss mensch mit Lifestyle dagegenhalten. Auch in Zwickau muss es ein alternatives Jugendzentrum geben!

So gelangten an diesem Montag etwa 50 (später auf 70 und mehr angewachsen) mit Clownsnasen und Tröten bewaffnete Antifas zunächst zur Montagskundgebung. Dort wurden die lokalen AN und ihre Unterstützer aus u.a. Plauen, Leipzig und Chemnitz mit einem lautstarken „Alerta Antifascista!“ und schickem Riesentransparent („Naziterror stoppen – Alternative Freiräume schaffen!“) begrüßt, ausgepfiffen und schlussendlich von der Polizei verjagt. Anschließend besetzten die Antifaschistinnen und Antifaschisten den Ort der geplanten Nazi-Kundgebung.

Nationales Debakel

Auf der anderen Seite die versteinerten Minen der etwa 40 anrückenden AN. Auch ihrem Führer Daniel „bleedtoforget“ Peschek blieb an diesem Tage das Lachen im Halse stecken, denn er stand diesmal nicht im Mittelpunkt. Einzig Gunnar Finder, auch bekannt als „Emo-Günni“, wusste noch mit unseren Clowns zu scherzen. Der Buschfunk vermeldet: in seiner ehemaligen Berufsschule in Zwickau hat er einmal zu viel den süßen Nazi-Klassenclown gemimt. Doch auch ihm sollte heute noch das Lachen vergehen – au Backe! Das nächste Soli-Konzert von „Eternal Bleeding“ scheint somit nur noch eine Frage der Zeit. Das Megaphon-Geplärre von NPD-Kader Christian Bärthel hatte keinen interessiert, nicht einmal die Nazis selbst; und wenn doch – es hätte kein Mensch verstanden.

Denn bei den Guten wurde getrötet, gerasselt und skandiert was die Lunge hergab. Die Polizeikräfte ließen die Antifas gewähren und schienen von der Abwechslung erfreut. Die Clowns hatten mit den unerfahrenen Beamten leichtes Spiel. Die Organisatoren der Montagsdemonstration waren dankbar für die antifaschistische Unterstützung und stimmten in den lautstarken Protest ein. Verpfiffen mussten die Nazis das Feld räumen. Auf ihr groß angekündigtes „offenes Mikrophon“ wartete mensch jedoch vergeblich. Der nationale Frust entlud sich später in einer Schlägerei mit der Polizei.

Für die lokalen Antifaschistinnen und Antifaschisten war der Tag ein großer Erfolg. Es bleibt zu hoffen, dass sich in den hiesigen Köpfen von Politik, Presse und sogenannter Zivilgesellschaft etwas tut.