Archiv für Juni 2008

Nazis werden Brüder: „Freies Netz“ und NPD

Am 08. Juni werden in Sachsen die Wahlen der Kreistage und Landräte für die neu zu bildenden Landkreise stattfinden. Nachdem die „Freies Netz“-Nazis aus Nordsachsen (Delitzsch-Torgau-Oschatz) bereits im April ihre Kandidaten auf der NPD-Liste bekanntgaben, ziehen nun auch andere s.g. „Freie Kräfte“ aus Sachsen nach. Der bekannte Autonomen-Führer Thomas Gerlach hat in Zwickau den Anführer der „Autonomen Nationalisten Zwickau“ für die anstehenden Kreistagswahlen (Zwickauer Land) ins Rennen geschickt: Daniel Peschek.

Rudimente eines künftigen Wahlprogramms

„Daniel P.“ ist in Zwickau jedoch längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Bereits am 11. Januar 2008 widmete ihm die Lokalausgabe der „Freie Presse“ einen ganzen Artikel. Dieser behandelte das Verfahren gegen ihn am Amtsgericht Zwickau, in dem ihm versuchte gefährliche Körperverletzung nachgewiesen wurde. Am 01. Mai 2007 hatten er und sein 24-jähriger Mitbewohner, der Gitarist der NSHC-Band „Eternal Bleeding“, Sören Leibnitz (siehe Bild) eine unangemeldete Nazi-Demo in Zeitz besucht. Der wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung bereits verwarnte Peschek, hatte dort nachweislich versucht einen Polizisten zu treten.

Im Zuge von Ermittlungen gegen den NPD-Landtagsabgeordneten Peter Klose wurde auch Pescheks „Nazi-WG“ in der Bahnhofstraße 5 in Zwickau im Auftrag der Staatsanwaltschaft Zwickau von der Polizei durchsucht und sein PC beschlagnahmt. Als sie von einer Kranzniederlegung (Inschrift „Freie Kräfte Zwickau“) für die Wehrmachtsoldaten zu berichten wussten, rutschte eine Losung der Waffen-SS dazwischen. Es ist davon auszugehen, dass Peschek Autor dieses Artikels ist.

In der lokalen Partycommunity „zwigge.de“ ließ Peschek auch schon wiederholt die Hosen runter (siehe Bild). Im November 2007 kommentierte er dortige Bilder antifaschistischer Demonstranten folgendermaßen: ”einfach rein ins räumfahrzeug bis ultimo beschleunigen und mitten rein in den zeckenmob..nehmen sich doch eh nichts..ekelhaftes faschistenpack…”.

Konzeptloser Zick-Zack-Kurs …?

Noch im Januar 2008 hieß es von Kamerad „Daniel“ auf der Zwickauer „Freies Netz“-Page: „…um ehrlich zu sein ist es uns völlig egal was für parolen die npd skandiert, da wir den weg der volksgemeinschaft gehen und nicht den einer partei“. Sechs Monate später will er für die NPD in den Kreistag des Zwickauer Landes einziehen.

Und bis heute lassen die „Autonomen“ keine Möglichkeit ungenutzt sich von der NPD zu distanzieren, während jedoch öffentlich stets gemeinsame Sache gemacht wird (indymedia: „Zwickau: Mit den Clowns kamen die Tränen“). Die seit dem 10. März wöchentlichen Kundgebungen des antisemitischen Verschwörungstheoretikers Christian Bärthel (NPD) in der Zwickauer Innenstadt gaben letztmalig Anlass dazu. Als Bärthel auf einem Flugblatt am 05. Mai unverblümt Klartext schrieb und die menschenverachtende Ideologie hinter dieser Veranstaltung offenbarte (indymedia: „Zwickau: Freies Netz zeigt wahres Gesicht“), setzten bei den „AN“ die bekannten, stets gleichen Reflexe ein. Bärthels einzige Zuhörerschaft, die „Autonomen Nationalisten“ (AN), distanzierten sich mal wieder.

Nationaler (Wahl-)Kampf

Da aber Prügeleien mit Polizisten, Hasstiraden gegen Andersdenkende und offensichtliche Unfähigkeit selbst für den Wahlkampf eines Nazis ungeeignet erscheinen, war nun doch etwas Erfindungsreichtum im Sinne der „nationalen Sache“ gefragt. So war sich selbst der 23-jährige schicke Lifestyle-Nazi Gunnar Finder (siehe Bild) nicht zu Schade Partei für die NPD zu ergreifen. Nur scheinbar hat er die Begriffe „Partei“ und „Party“ etwas durcheinander gebracht, denn nichts schien ihm dafür besser geeignet als die virtuelle Partycommunity „zwigge.de“ (Selbstbeschreibung: „Disco, Party & Fotos“). Nachdem die „AN“ ihre Aktivitäten auf dieser Plattform wegen schlichtem Desinteresse der User bereits zurücknehmen mussten, war auch dieser letzte Vorstoß ein Schuss in den Offen. Statt für seinen NPD-Kandidaten Peschek zu werben, offenbarte der erkorene Wortführer Finder vielmehr die mangelnde Intelligenz im Lager der „Autonomen“.

Aber auch dort wo sonst üblicherweise nur 22 Männer um einen Ball kämpfen, gingen die Nationalen für Peschek in den Kampf. So waren beim vergangenen Heimspiel des FSV Zwickau gegen Sachsen Leipzig am 21. Mai auch die üblichen Besucher der wöchentlichen Nazidemo anwesend, um gegen die „linken“ Ultragruppierungen beider Vereine zu wettern. Wie schon in der Vergangenheit wurden auch wieder mutmaßlich linke Stadionbesucher von den nationalen Aktivisten bedroht. Kein Zufall, denn einzelne Mitglieder des Fanclub „Combat Zwickau“ sind auch bei den „AN“ aktiv. Die Stadt und der Verein genehmigten gar die Vorfahrt des NPD-Wahlkampfmobils auf das Stadiongelände.

Und nicht nur im Fussballstadion läuft mensch Gefahr vom Wahlkampfteam der NPD Zwickau umworben zu werden. Wer sich jedoch nicht überzeugen lässt, muss Angst haben kurzerhand verprügelt zu werden. So kam es in Zwickau allein im Mai diesen Jahres viermal zu rechten Übergriffen auf „undeutsch“ aussehende oder andersdenkende Menschen, wie sich in den Chroniken von „Blick nach Rechts >>> Zwickau“ zeigt. Auch der 21-jährige Gitarist einer Naziband Alexander Schliwka (siehe Bild) kämpfte auf diese Art für die Wahl seines Führers Daniel Peschek.

…oder Strategie der Führer?

Angesichts dieser augenscheinlichen Konzeptionslosigkeit zwischen vehementer Abgrenzung zur NPD und Kandidatur für die Partei, bleibt die Frage offen, ob dieses Vorgehen vielleicht doch das Kalkül der „Freies Netz“-Strategen Maik Scheffler und Thomas ‚ACE‘ Gerlach ist. Jugendliche sollen offensichtlich für die „nationale Sache“ begeistert werden, um später in der Partei zu landen. Und die wirbt mensch mutmaßlich eher mit dem „Freies Netz“-Slogan „unabhängig – frei – revolutionär“ als mit dem üblichen NDP-Parteigeplärre von wegen „Wir bleiben hier! Wir packen an!“. Außerdem wird im Aussehen und Auftreten kräftig von den modebewussten und kreativen „Linken“ kopiert und Action gegen die Langeweile in der Provinz wird den angehenden Parteikadern beim Aufkleber kleben und in der Innenstadt rumstehen („Demo“) auch geboten.

Doch so „unabhängig“ wie das „Freie Netz“ (FN) zu erscheinen versucht, ist es nicht. Vielmehr machen die Doppelmitgliedschaften von NPD´lern und FN´lern deutlich, dass auch das „FN“ nur einen weiteren militanten Arm der NPD, ähnlich „Sturm 34“, darstellt. Wer sich im „Freien Netz“ als starke Führerpersönlichkeit erweist, schlägt letztlich, wie Daniel Peschek in Zwickau, den Weg der NPD-„Parteibonzen“-Karriere ein. Da ist offensichtlich schnell vergessen, dass die nationalen „Kräfte“ sich stets als „frei“ titulieren. So werden in der Logik der Nazis die größten Feinde des „linksfaschistischen BRD-Systems“ selbst zur „kapitalistischen Machtstütze“. Und umso lächerlicher erscheint die in Mode gekommene Maskerade der „Autonomen Nationalisten“ in Gänze.