Archiv für Dezember 2008

Zwickau is in Germany!

Die Nazis haben sich eingerichtet. Während sie in den 90ern noch in organisierten Schlägertrupps durch Zwickau marschierten, um das Wohnheim für asylsuchende Flüchtlinge im Stadtteil Eckersbach „abzufackeln“, schieben sie heute einen Kinderwagen durch die hübsch sanierte Innenstadt. Zum Geld verdienen sind die alten Kontakte allemal hilfreich. Mit Tatoostudios, Klamottenläden oder Security-Firmen lässt es sich gut leben.

Zum gemeinsamen Happening kommt es bei den regelmäßigen „Fight Club“-Veranstaltungen, zuletzt im August in Zwickau oder im November in Meerane. Auf der Website der Veranstalter, ein gewöhnlicher beim Stadtsportbund Zwickau eingetragener Verein mit Namen „Fight Club“, wird auch noch heute der „unvergessenen“ Nazi-Szenegröße Rico Malt aus Chemnitz gedacht. Andere Nazis wiederum rufen ein Modelabel („Barstool Sports“) ins Leben, welches optisch einige Versatzstücke der Nazimarke „Thor Steinar“ enthält und inhaltlich („Drink, Fuck & Fight“) deutlich macht, in welcher Szene die potentielle Kundschaft angesiedelt ist.

Apropos „Thor Steinar“: Der einzige Laden, welcher die Marke in Zwickau vertreibt, ist ebenfalls genau in jenem Milieu zu verorten. „The Last Resort Shop“ wurde Ende der 90er Jahre von einem Mitglied der rechtsradikalen Band „Westsachsengesocks“ eröffnet und kam aufgrund des Vertriebs indizierter Tonträger wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt; zuletzt im Juni 2007. Heute, unter anderem Eigentümer, sponsert dieser erwähnte „Fight Clubs“ oder bietet für Mitglieder der „Autonomen Nationalisten“ einen Ausbildungsplatz. Seine große Bedeutung für die lokale Nazi-Szene zeigte sich auch, als sich zuletzt am antifaschistischen „Thor-Steinar-Aktionstag“, dem 15.12.07, in kürzester Zeit 120 Nasen vor Ort versammelten.

Nazis, die heute mit ihrer Gesinnung Geld verdienen, gelten jedoch offensichtlich als resozialisiert, denn stören lässt sich von diesen Umtrieben kein Mensch. Von organisierter Kriminalität könnte mensch sprechen, doch kriminell ist ja bekanntlich nur, was dem Gesetz widerspricht: Geld verdienen gehört nicht dazu! Dass Nazis heute wieder beinahe wöchentlich in der Zwickauer Innenstadt einen „Nationalen Sozialismus“ fordern, ist im Übrigen auch nicht kriminell, aber dazu später mehr.

Die sogenannte „Mitte“!

Während Neonazis nun ihre Ideologie auf anderen Wegen in der „Mitte der Gesellschaft“ festigen, entschwinden Garanten für ein Mindestmaß an antifaschistischer Politik in die gleiche Richtung. Ehemalige Aktivisten werden, wenn sie die Stadt nicht schon längst verlassen haben, ebenfalls von jener „Mitte“ geschluckt.

Neben den üblichen städtischen Einrichtungen, darf Zwickau heute auch ein sogenanntes „Soziokulturelles Zentrum“ sein Eigen nennen, welchem jedoch beinahe jedes antifaschistische Profil abhanden gekommen ist. Das „Alte Gasometer“ richtet sich im Grunde an eine Mehrheitsgesellschaft, deren Interesse über abendliches Amüsement nicht hinaus geht. Da stellt das Kino „Casablanca“ mit oftmals auch progressiven Filmen schon ein Highlight der spärlichen Zwickauer Alternativkultur dar. Traurig aber war: Wer in dieser fast 100.000 Einwohner zählenden Stadt unter Menschen gehen möchte, ohne dabei irgendwelchen Nazis zu begegnen, wird keine öffentliche Lokalität finden, welche diesem legitimen Anspruch konsequent gerecht wird. Von den ehemals vorhandenen antifaschistischen Strukturen ist im Grunde nichts erhalten geblieben.

Ähnlich verhält es sich mit dem ehemaligen „Bündnis gegen Rechts“. Jenes wurde nach dem Einsickern konservativer Kräfte aus CDU und Kirche dermaßen nivelliert, dass es heute Schönwetterdemokraten aus allen Parteien zur politischen Profilierung dient. Statt konsequent gegen Nazis zu intervenieren, ist mittlerweile, der Selbstbezeichnung nach, von einem „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ die Rede. Der Opposition von verbliebenen AntifaschistInnen im Bündnis, wird mit breiter Ignoranz begegnet. In diesem Sinne rief das Bündnis anlässlich der letzten Nazidemo im Oktober auch zum „lauten Wegsehen“ auf; so konnten dann auch 250 Nazis problemlos durch die Stadt marschieren. Eine Zivilgesellschaft, die sich Nazis entgegenstellt, sucht mensch hier vergeblich. Spätestens jetzt ist klar: Zwickau is in Germany!

Neu sind nur die Klamotten!

Öffentlich agierenden Nazis bietet sich in Zwickau damit eine geradezu optimale Gemengelage. Da wären wir bei dem „neuerlichen“ Phänomen der sogenannten „Autonomen Nationalisten“, welches bekanntlich so neu nicht ist; bis auf die Pali-Tücher von „H&M“. Im Sommer 2007 bekam es nun auch Zwickau mit einer Abordnung der unter dem Label „Freies Netz“ firmierenden länderübergreifenden Vernetzung von Nazis aus Westsachsen, Ostthüringen, Süd-Sachsen-Anhalt und Nordbayern zu tun. Nazi-Kader Thomas Gerlach, der mit Mike Scheffler, jenes Internetportal ins Leben rief, beorderte drei seiner Gesinnungsgenossen aus Meuselwitz/Altenburg nach Zwickau, um hier mit lokalen Jugendlichen eine Kameradschaftsstruktur aufzubauen. Überschneidungen dieser Nazis gibt es auch zu Mitgliedern von Nazi-Bands; beispielsweise „Eternal Bleeding“ oder „Moshpit“.

Die NPD und jene „Freien Kräfte“ arbeiten in Zwickau eng zusammen. Peter Klose, welcher für die NPD in den sächsischen Landtag nachgerückt ist, unterstützt die „AN“ finanziell und mittels Infrastruktur seiner Partei. Seine Büroräume dienen seit ihrer Eröffnung im Mai 2007 für Kameradschaftstreffen und sein Privat-PKW als Lautsprecherwagen bei den Demos der „AN“. Zu den Kreistagswahlen im Juni 2008 trat der Kameradschaftsführer der „AN“, Daniel Peschek, höchstpersönlich für die NPD an.

Das eigentlich neue an dieser Entwicklung ist die offensive Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, die von den „AN“ stets gesucht wird. Ähnliche Erfahrungen werden derzeit auch in anderen Städten gemacht. In Zwickau versuchen die Nazis, außer durch eigene Demos auch mittels Provokationen auf den wöchentlichen „Hartz IV-Demos“ in der Zwickauer Innenstadt auf sich aufmerksam zu machen. Nach anfänglicher Beachtung, interessiert es heute allerdings niemanden mehr, wenn sie mal wieder den „Nationalen Sozialismus“ fordern. Ihre Strategie verliert sich in einer entpolitisierten Öffentlichkeit einfach im Nirgendwo. Stattdessen sitzen sie wegen diverser Vergehen regelmäßig in Zwickau auf der Anklagebank. Wenn der lokale Staatsanwalt zum umtriebigsten Antifaschisten wird, spricht das wohl Bände.

Alternative Freiräume schaffen!

Eine aktive Auseinandersetzung mit den lokalen Nazis ist aufgrund der geschilderten Umstände kaum mehr möglich. Wie sich in anderen Städten zeigte laufen Aufklärungsarbeit und Demonstrationen bei sich unpolitisch fühlenden Menschen ins Leere. Antifaschistinnen und Antifaschisten sollten nicht zum Dienstleister einer Gesellschaft mutieren, dessen viel beschworene „Zivilgesellschaft“ einfach nicht existiert. Mit dem Blog „artz.blogsport.de“ gibt es nunmehr immerhin eine virtuelle Plattform, die die nazistischen Umtriebe in Zwickau in einem Mindestmaß dokumentiert. Antifaschistische Politik kann in Zwickau nur in dem Ziel der Etablierung eines Alternativen (Jugend-)zentrums münden. Es muss einen Freiraum geben an dem sich Menschen ungestört treffen können, ohne ständig irgendwelchen Nazis begegnen zu müssen! Wenn schon nicht hier leben, dann sollte mensch es in Zwickau immerhin aushalten können.