Archiv für Januar 2009

Bauer-Brüder mit White Power-Angriff

Im Oktober berichtete die „Heimatzeitung“ Freie Presse unter dem Titel „Bauer-Brüder bilden Power-Angriff“ vom „beeindruckenden Einstand“ eines Fußballvereins aus Zwickau. Zwischen der fast neuen „Stadthalle Zwickau“ und dem traditionsreichen „Westsachsenstadion“ ist die „Spielvereinigung Schedewitz 98“ zu Hause. Anlass für eine Provinzposse der besonderen Art.

10 Jahre zu spät

Als sich 1998 die Spielvereinigung (SpVgg) gründete waren die Jungs aus Schedewitz regelmäßig bei den Spielen des FSV Zwickau, der seine Heimspiele im Westsachsenstadion im Stadtteil austrägt, anzutreffen. Dort machte sich der „Fanclub“ schnell einen Namen. Hinter ihrer großen Fahne im Block-A mit „Schedewitz“-Aufschrift in Fraktur-Schrift versammelten sich in kurzer Zeit sämtliche FSV-Fans mit offensiv fremdenfeindlicher Einstellung.

Im September 2006 gesellte sich dazu ein weiteres Transparent mit der Aufschrift „Gott mit uns“ – eine bekannte Losung der deutschen Wehrmachtsoldaten während des Nationalsozialismus und häufig auf Plakaten bei Demos der NPD zu sehen. Auch in ihren Gesängen machte die Gruppe wiederholt unmissverständlich klar, welche politische Haltung sie vertritt. Zuletzt sorgten die rassistischen Äußerungen gegen einen aus Mali stammenden Spieler des Chemnitzer Fußballclub im Oktober 2007 für größeres Aufsehen.

In diesem Umfeld gründete sich auch die dem „Freies Netz Zwickau“-nahestehende Gruppierung „Combat Zwickau“, welche allerdings nach Hausdurchsuchungen durch die Polizei offiziell schnell wieder von der Bildfläche verschwand. Gern werden von den Zuschauern im Block-A stimmlich die „88 Schedewitzer Jungs“ beschworen – am liebsten hätten sie ihre „Spielvereinigung“ wohl zehn Jahre vorher gegründet, um das „Heil Hitler“ gleich im Vereinsnamen tragen zu dürfen.

Ein fast normaler Fußballclub…

Während die „Freie Presse“ die „Wahnsinnsserie“ der Schedewitzer lobt, haben sie sich bei den restlichen Vereinen der Liga ebenfalls längst einen Namen gemacht. Nicht selten hagelte es rote und gelbe Karten bei den Schedewitzern und auch Spielabbrüche sind keine Seltenheit. Doch wenn einer der gelobten „Bauer-Brüder“ nach dem Spiel noch einen Zuschauer niederschlägt, ist das der „Freien Presse“ nur einen Nebensatz wert. Rein formell – wegen der roten Karte für die Spielstatistik.

Auch nach den Spielen des FSV Zwickau lassen die Schedewitzer lieber die Fäuste sprechen; viele von ihnen sind wegen diverser Gewaltdelikte bereits vorbestraft. Jedes Mitglied, welches etwas auf sich hält, trägt eine „Schedewitz“-Tätowierung im Nacken, ähnlich der Gruppierung „Braune Teufel Vogtland“. Klar darf auch die Fraktur-Schrift im Vereinswappen nicht fehlen und über den „Hitler-Gruß“ am Spielfeldrand wundert sich schon lange niemand mehr. Der Zuschauer erkennt schließlich schon an der Kleidung der Sportskameraden woher der Wind weht. Die sponsert nicht zufällig der bekannte Nazi-Laden „The Last Resort Shop“ aus Zwickau.

Vereinzelt finden sich im Stadtviertel „Hooligans Schedewitz“-Graffito, wobei die beiden „o“ stets zu einem Keltenkreuz umstilisiert werden. Und auch die Jüngsten buhlen bereits um Respekt. Sie nennen sich „Muld Coast Hools“, was wohl so viel wie „Hooligans vom Ufer der Mulde“ heissen soll, und schmieren ihr „MCH“-Kürzel ebenfalls im ganzen Viertel. Bezeichnenderweise gibt es jetzt bei der SpVgg Schedewitz eine E-Jugendmannschaft, damit die ganz Kleinen ihren großen Vorbildern in nichts nachstehen müssen. So zitiert die „Freie Presse“ den Trainer der Schedewitzer: „Ihm gefällt die familiäre Atmosphäre in der Truppe.“

…in einem fast normalen Stadtteil

Doch im lokalen Verein äußert sich nur, was in Schedewitz sowieso deutscher Alltag ist. Wenn mal wieder Wahlkampf angesagt ist, darf sich die NPD sicher sein, dass der Stadtteil flächendeckend mit den Plakaten (Bsp. „Der Osten bleibt deutsch!“) der Partei bestückt ist.

Auf diese Basis versuchte auch der „Kameradschaftsführer“ (O-Ton eines NPD-Mitarbeiters) Daniel Peschek zu bauen, als er bei den Kreistagswahlen im Juni 2008 unter anderem in Schedewitz antrat. Auch wenn es für den Kreistag nicht reichte, lohnen sich die Kontakte der „Nationalen Sozialisten Zwickau“ in das Viertel. Diese veranstalten seit einiger Zeit ihre Kameradschaftstreffen in der Gaststätte „Neuland“ in Schedewitz, welche sich in der Vergangenheit schon als Treffpunkt der Hooligans bei Spielen des FSV Zwickau einen Namen gemacht hat. Sie liegt etwas versteckt zwischen den gleichnamigen Schrebergärten, nur einen Steinwurf vom Ufer der Mulde entfernt. Dort durfte, neben dem „Freies Netz“-Führer Thomas Gerlach aus Südthüringen, auch der bekannte „Naziterrorist“ Peter Naumann seine Weisheiten unter die Volksgemeinschaft bringen.

Aufrichtig wird sich auf den Seiten des „Freies Netz Zwickau“ bei Wirt Bernd Dittrich für die Gastfreundschaft bedankt – „Heil euch!“. Die Danksagung kommt von Michael Schöbel, dem Azubi im „The Last Resort Shop“ – eine Hand wäscht schließlich die andere. Da bleibt auch das gesprühte Hakenkreuz an der Zufahrt zum „Neuland“ nur eine unbedeutende Randnotiz – für die Statistik „politisch motivierte Kriminalität – rechts“ eben.

Mittlerweile ist sogar die Europäische Union auf den Stadtteil aufmerksam geworden; dieser gilt laut offiziellen Zahlen nämlich als „strukturschwach“ und soll zukünftig jede Menge Fördergelder von der EU erhalten. In Schedewitz hat die Stadt Zwickau deshalb jetzt Großes vor: das marode Westsachsenstadion soll endlich umfassend modernisiert werden. So bleibt die Hoffnung, dass auch in Schedewitz einmal Alles gut wird.