Archiv für November 2010

Antifaschismus lohnt sich nicht

Das Soziokulturelle Zentrum der Zwickauer Region – »Alter Gasometer« – zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wenn die Partei »Die Linke« ihren alljährlichen »Antifaschistischen Ratschlag«, wie im letzten Jahr geschehen, in Leipzig veranstaltet, haben die Ortsansässigen dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Die angekündigten Themen reißen dort zu Recht niemanden vom Hocker. In der sächsischen Provinz entfaltet solch eine Veranstaltung jedoch eine ganz andere Wirkung. Nicht umsonst fühlte sich der Oberbürgermeister von Mittweida, Matthias Damm (CDU), im Jahre 2008 dazu genötigt, in Sorge um den Frieden in seiner Kleinstadt, dem Residenzsitz der neonazistischen kriminellen Vereinigung »Sturm 34«, eben jenen Ratschlag mit allen Mitteln zu verhindern. Die Organisatoren mussten ins »Alternative Jugendzentrum« nach Chemnitz ausweichen und wurden dort mit offenen Armen empfangen.

Zwickau hat es bitter nötig!

Zu jener Provinz, die einen solchen Ratschlag bitter nötig hätte, gehört auch Zwickau. Umso erfreulicher, dass die Organisatoren des Ratschlags im Jahre 2011 in Zwickau Station machen wollten. Nun kann mensch über den (Alibi-)Antifaschismus der Partei »Die Linke« denken wie er will. Trotz aller Parteifloskeln kann solch ein Treffen mit überregionaler Ausstrahlung dafür Sorge tragen, dass die örtlichen Probleme mit Neonazis ein erweitertes Podium bekommen und der ein oder andere Berufsantifaschist für die Probleme einer Region sensibilisiert wird. Nicht zuletzt kann lokalen Akteuren die Botschaft vermittelt werden, dass sie mit ihrem Engagement gegen Nazis nicht allein dastehen.

Zwickau wird glücklicherweise von einer SPD-Oberbürgermeisterin regiert, die weit davon entfernt ist, sich wie so mancher CDU-Fürst aufzuführen. Die Verhinderung eines solchen Ratschlags durch die Stadtobere ist hier nicht zu befürchten. Dennoch wird es zu einer möglichen Initialzündung durch einen »Antifaschistischen Ratschlag« in Zwickau erst gar nicht kommen.

Gasometer will »Freiraum« sein!

Dem Anspruch des Vereins »Alter Gasometer e.V.« nach soll „das Soziokulturelle Zentrum der Zwickauer Region“ in der Kleinen Biergasse einen „Freiraum (…) entgegen dem zunehmendem Konsumverhalten“ bieten. Man begreift sich in Tradition der Friedensbewegung und des ehemaligen „Bunten Zentrums“. Wie es scheint der ideale Ort für einen solchen »Antifaschistischen Ratschlag«. Doch wie so oft, ist es auch hier mit den großen Idealen vorbei, wenn es um das liebe Geld geht. Dann erweisen sich all die schönen Worthülsen als ziemlich inhaltsleer. Einen »Antifaschistischen Ratschlag« wird es im »Alten Gasometer« nicht geben, weil ihn die Organisatoren aufgrund der horrenden Mieten im ‚Gaso‘ schlicht nicht finanzieren können. Nun darf die Frage erlaubt sein, was das dort für ein „Freiraum“ sein soll; ein „Freiraum“ dessen Inanspruchnahme sogar der zweitgrößten Partei in Sachsen zu teuer erscheint.

Ja wen kümmert es schon, wenn irgendeine Parteiveranstaltung in irgendeinem Veranstaltungssaal nicht stattfinden kann?! Beim »Antifaschistischen Ratschlag« handelt es sich jedoch glücklicherweise nicht um irgendeine Parteiveranstaltung, sondern um ein landesweites Treffen von antifaschistischen Gruppen und Einzelpersonen, von welchem insbesondere ländliche Strukturen ungemein profitieren können.

Alternativ? Geh doch ins Gasometer!

Doch was viel schwerer wiegt; das »Alte Gasometer« ist nicht irgendein Veranstaltungssaal, sondern „das Soziokulturelle Zentrum der Zwickauer Region“; das heißt im Klartext: ohne jede Alternative. In ganz Zwickau gibt es nicht eine einzige Lokalität in der solcherlei Veranstaltungen in dieser Größenordnung möglich wären. Die Stadt Zwickau entzieht sich mit Verweis auf das Zentrum „mit seinen oftmals alternativen Angeboten“ (Zitat, Homepage der Stadt Zwickau) seit Jahren erfolgreich jeglicher Verantwortung für die ‚alternativen‘ Jugendlichen der Stadt.

Wie die Selbstbeschreibung des ‚Gaso‘ deutlich macht, fühlen sich die dortigen Verantwortlichen äußerst wohl in der Rolle Betreiber des einzigen „Freiraums“ einer ganzen Region zu sein. Tja, wer möchte nicht gern das Monopol in einem Nischenmarkt inne haben. Für die alternativen Jugendlichen in Zwickau hat diese Entwicklung jedoch verheerende Folgen. Das Scheitern des »Antifaschistischen Ratschlages« ist hierbei nur ein Symptom. Dass an selbstorganisierte Veranstaltungen – „Erprobung und Experiment“ wie es im „Anspruch des Vereins“ heisst – durch Zwickauer Jugendliche nicht zu denken ist, wenn selbst »Die Linke« finanziell scheitert, dürfte klar sein.

Einmal mit Profis arbeiten!

Im »Alten Gasometer« geht die Professionalisierung inzwischen so weit, dass politische Inhalte überhaupt keinen Platz mehr haben. Aufkleber mit antifaschistischen Inhalten widersprechen dem Anspruch auf parteipolitische Ungebundenheit. Ein Übergriff durch Nazis nach einem antifaschistischen Konzert im Gasometer und eine darauffolgende Demonstration, geschehen im Jahre 2009, werden als Störungen des Betriebsablaufes empfunden. Solidarität oder Anteilnahme hatten die Betroffenen von Seiten der Verantwortlichen im »Alten Gasometer« nicht erfahren. Stattdessen sollte der Überfall am besten totgeschwiegen werden. Negativschlagzeilen sind schließlich schlecht für’s Geschäft.

Und um dieses Geschäft geht es im »Alten Gasometer« wesentlich. Darüber darf auch das hauseigene „Koordinierungsbüro“ des »Bündnis für Demokratie und Toleranz«, welches laut Selbsteinschätzung die „Aktivitäten gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewalt und Rechtsextremismus“ (Zitat, Homepage des Bündnis) bündelt, nicht hinwegtäuschen. Wer annimmt der Verein würde damit immerhin einem Teil seines eigenen Anspruchs gerecht, verkennt, dass auch hier finanzielle Anreize ausschlaggebend für die Übernahme der Trägerschaft gewesen sein dürften. Im „Koordinierungsbüro“ wurden zwei Stellen geschaffen und es ist kein Geheimnis, dass der »Kampf gegen Rechts« Zugriff auf umfangreiche Förderprogramme gewährt. Doch auch bei jenem Demokratie-Bündnis existiert der eigene Anspruch nur auf dem Papier. Die Bündelung irgendwelcher Aktivitäten ist nicht wahrnehmbar. Stattdessen kommt die Bündnis-Infrastruktur nur in Bewegung und es wird sogar ein »Offener Brief« verfasst, wenn es darum geht gegen Kürzungen mobil zu machen, von denen der »Alte Gasometer e.V.« zukünftig betroffen sein könnte.

Goodbye Zwickau!

Niemandem ist der Kampf um den eigenen Arbeitsplatz zu verübeln. Doch es darf nicht zu viel verlangt sein, dass im »Alten Gasometer« mit offenen Karten gespielt wird. Statt den augenscheinlichen Mangel an einem alternativen „Freiraum“ offen auszusprechen, wird eine subkulturelle Alternative herbei halluziniert. Wäre der Verein tatsächlich nur grandios am eigenen Anspruch gescheitert, könnte dies zumindest Betroffenheit auslösen. Doch es drängt sich der Verdacht auf, dass hier ganz bewusst ein Luftschloss in die Stadt gesetzt wurde und dieser Umstand macht wütend. Das Gasometer hausiert mit Inhalten, die es längst nicht mehr bieten kann und stößt damit unweigerlich eine sehr wichtige Zielgruppe vor den Kopf. Beklagenswert sind in diesem Zusammenhang all die alternativen Querköpfe, die Zwickau seit Jahren den Rücken zukehren.

aaz | November 2010

*alle Zitate ohne Quellenangabe sind so auch auf der Internetseite des Alter Gasometer e.V. nachzulesen!

Soli-Demo für »Schwarzen Peter«

In Zwickau beteiligten sich am gestrigen Mittwoch 50-60 AntifaschistInnen an einer spontanen Demonstration für die Betroffenen des neonazistischen Brandanschlages in Limbach-Oberfrohna.

Die Demonstration startete gegen 16 Uhr und zog unbeaufsichtigt fünfundvierzig Minuten durch die Zwickauer Innenstadt. Erst gegen Ende versuchten Kräfte der Polizei vergeblich den Zug zu stoppen. Schließlich konnte sich die Demo am Endpunkt der geplanten Route ohne Eingreifen der Polizei koordiniert auflösen. Thematisiert wurde nicht nur die erneute Eskalation nationalistischer Gewalt in Limbach-Oberfrohna und der darauf folgende Brandanschlag auf die Vereinsgebäude der sozialen und politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna, sondern auch die unerträglichen Zustände, denen sich antifaschistische Personen in der sächsischen Kleinstadt ausgesetzt sehen.

Diese Zustände prägt nicht nur der ohnehin latent nationalistische Konsens im provinziellen Limbach, besonders die verfestigten Strukturen der NPD und das Wirken der parteinahen „Freien Kräfte“, welche die Stadt schon längst zur „national befreiten Zone“ erklären können, erschweren einen kontinuierlichen linksradikalen Widerstand in der Stadt. Hand in Hand mit den neonazistischen Tätern verleugnet der regierende CDU-Bürgermeister das rechte Problem in Limbach-Oberfrohna und kriminalisiert die alternative, emanzipatorische Freiraumpolitk der Bildungsvereinigung. Diese setzt sich seit langem für die Etablierung eines alternativen Zentrums in ihrer Stadt ein. Die Arbeit der letzten Monate verbrannte am 13.11. in den Räumen des Vereinsdomizils.

Unsere Solidarität gilt diesem Engagement und den Menschen, die in Limbach-Oberfrohna jeden Tag den Zumutungen der deutschen Provinz ausgesetzt sind. Dass sie trotz allem weitermachen, keine Ruhe geben, ist vor allem eines: bewundernswert.

Trotz allem, die spontane Demonstration konnte nur aufmerksam machen auf die Verhältnisse, vor allem in Limbach, aber auch in der ostdeutschen Provinz insgesamt; konnte die Zustände kritisieren, in denen neonazistische Grundhaltungen eben nicht nur ein Phänomen einer verschwindend geringen Minderheit sind, sondern weit in eine Gesellschaft hineinreichen, die es sich gemütlich gemacht hat im alltäglichen Stumpfsinn von Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie. Menschen, die in jener Atmosphäre eine linksradikale Gegenöffentlichkeit etablieren wollen, können nur als „Störenfriede und Chaoten“ diffamiert werden, denn eine Auseinandersetzung mit diesen, wäre ein Angriff auf den fröhlichen Party-Patriotismus, welcher ausnahmslos alle zum Mitmachen auffordert.

Am kommenden Samstag, den 20.11.2010, findet in Limbach-Oberfrohna eine Demonstration unter dem Motto „Das Problem: Naziterror. Die Lösung: Alternative Freiräume“ statt. Wir, verschiedene Gruppen der Region, rufen dringlichst dazu auf, antifaschistische Präsenz auch in der Provinz zu zeigen!

Mehr Informationen aus Limbach-Oberfrohna:
schwarzerpeter.blogsport.de!